Esra Nagel is an artist living and working in Berlin.
The name Big City Club refers to a marketing-slogan adopted by a Berlin football club some years ago. After signing a new investment contract, this slogan expressed the club’s aspirations for competing at the very top. It was supposed to emphasize its international relevance. This re-branding was swiftly followed by the club’s relegation to the second division and a long struggle for its financial survival.
The exhibition is organized in cooperation with Teile 2o46 – Verein zur Förderung zeitgenössischer Kunst. Many thanks to Between Bridges for the exhibition support!
Installation views by Jonas Kuck
Barfuß auf dem Balkon im November
Schauend in die Fenster schräg gegenüber
Ungesehen bin ich im schon dunklen Nachmittag
Beobachtet als Anderes doch immer
Keine Staubschicht auf Mensch und Möbel
Ihre Zeichen und Furchen
Aufgeräumt
Nicht tief genug
Ein Teppich aus echtem Tier
In mir klopft das Falsche
Die Kühe der Hinterhöfe
Der Ring sie zu Ketten noch da in der Wand
Wie froh war ich von der Nachbarschaft
Nicht gekannt zu sein
Denn im falschen Haus
Kommt die Angst aus dem Hinterkopf
Die Eingänge zum Tal führen durch graue Schluchten mit überbauten Bächen. Jeder Eingang hat einen griechischen Imbiss mit Spielautomat und Bohnensalat, einen Bäcker, einen Konsum, eine Grundschule, eine Hauptschule und eine Tankstelle. Hier fahren die LKW rein und raus, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Die Züge kommen auch. Cargo aus der Welt. Dann sagen uns die Eltern geht nicht über den Bahndamm.
Am Flussrand das Springkraut. Der Fluss stinkt, wenn kein Wind weht. Wir klettern in die verbotenen Höhlen und steigen über das Wehr. Tote Enten einsammeln. Im Sommer glitzert der Fluss und die Kraniche kommen. In den Wäldern zwischen den Werken sind die Lichtungen voll Fingerhut. Digitalis. Magenta mir im Auge, die Hummeln dazwischen. Bleibt das Herz stehen, wenn man den Kinderfinger in die Blüte hineinsteckt und lang genug drin lässt?
Die Stadt ist klein und liegt im Tal. Im Tal in dem von November bis März die Wolken hängen bleiben und abregnen, nach dem sie dort feucht und grau alles bedecken, die Häuser veralgen und einem in den Körper kriechen. Im Tal in dem von November bis März alles braun und dunkelgrün ist. Die entlaubten Hänge auf die man in jede Richtung blickt. Die Tannen dazwischen. Wenn es schneit und der Boden gefriert ziehen sich alle Socken über die Schuhe, beschweren die Autos mit Betonsäcken oder ihren Kindern und ich gehe zum Schieferhang Eiszapfen fressen.
Die Stadt wird mindestens ein mal im Jahr überschwemmt. Man hat den Fluss einbetoniert. Da gab es mal Lachse. Dann kamen die Wehre mit der Industrie. Jetzt sitzen wir mit den nackten Ärschen in ihm. Wir fischen an der Böschung nach Knochen und Müll. Der ist besonders gut nach dem Hochwasser. Die Gewaschenen und Gekämmten aus der Nachbarschaft schütteln den Kopf. Sie stärken ihre Gardinen und tragen lange graue Mäntel die den Kitteln der Fabrik ähneln.
In allen Tälern der Gegend sitzt die Metallindustrie an den Flüssen und Bächen. Draht, Nadeln, Schrauben, Muttern, Autoteile. Gefüttert werden die Werke von der Schwerindustrie der großen Städte, nicht weit entfernt. Die ist schon fast tot als ich geboren werde. Das sagt uns niemand. In Heimatkunde zeigt man uns die Hochöfen. Wir werden sie eines Tages heizen. Wir Kinder spüren das Sterben der Fabriken in den Körpern der Erwachsenen. Es kann nicht weiter verdrängt werden. Zurück bleiben Skelette und Gift, zurück bleiben halb leere Siedlungen, geschlossene Schulen, Märkte und Imbisse. Die Häuser mit Schwamm werden abgerissen. Dem radikalen Rückbau der Verlassenheit sperrt man sich und glaubt, das die Menschen irgendwann zurück kommen würden.
Ich habe ein exzellentes Gedächtnis für Architektur und Inneneinrichtung. Alles dazwischen ein Archipel aus scharf gefrorenen Szenen, umgeben vom Rauschen der Dunkelheit. Dein Haus, ein 4 Stöckiges Reihenhaus, weiß gekalkt. Gegenüber eine der Fabriken. Ganz unten die Waschküche, die nicht mehr genutzt wird, außer von uns als Spielraum. Wir haben im Sperrmüll Teppichreste gefunden und sie auf den feuchten Boden gelegt.
In einer sterbenden Stadt gibt es den besten Müll.
Mit geklauten Sprühdosen schreiben wir unsere Namen an Decke und Wand. In Druckbuchstaben. Schreibschrift können wir noch nicht. Neben dem Haus eine vermooste Treppe aus Waschbetonplatten. Die Treppe muss man hoch, um zu den obersten zwei Stockwerken zu gelangen. Links neben der Treppe ein in dieser Gegend üblicher Terassengarten.
Hier wächst der Kohl und die Stachelbeere. Hier steht die Sonnenblume. Oben an der Treppe rechts abbiegen durch einen schmalen unüberdachten Gang. Auf der rechten Seite der Eingang zum Treppenhaus. Dort, unter euch, wohnt die griechische Familie, dort riecht es nach warmem Hefegebäck, das uns heilt während wir es im Mund halten. Leider müssen wir schlucken.
Ich habe der Stadt im Tal ihren Untergang gewünscht. Gewünscht, zuerst verlassen und dann dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Meinen Schmerz wollte ich mit ihr begraben und auf ihm die Auen anfluten und die Wehre entzweien, so dass die Lachse mit mir ihre Reise zurück antreten könnten. Doch wir kommen nicht mehr zurrück zwischen die Hügel, die sich um den Fluss winden. In mir drin, unter meiner Haut geblieben ist der Aufstieg der Nacht am Abend aus dem Tal. Die Nacht kommt aus dem Wasser gekrochen. Über die Ufer und Häuser kriecht sie in den Wald, wo sie aus den Bäumen ausatmet und in den Himmel übergeht.
gekürzter & fragmentierter Auszug aus dem unveröffentlichten Text Im Tal von Lee Stevens